Was ist Fibromyalgie?
Fibromyalgie,
auch Fibromyalgie-Syndrom genannt, ist eine chronische Schmerzerkrankung, die
nicht zum rheumatischen Formenkreis gehört und nicht mit dem Begriff „Weichteilrheumatismus“ gleichgesetzt werden
darf (Prof. Dr. med. Hartwig Mathies,
1997). Fibromyalgie-Patienten können im weitesten Sinn Stress nicht richtig
verarbeiten und reagieren darauf mit einer gestörten Schmerzwahrnehmung. Prof.
Dr. Gunther Neeck bezeichnet die Fibromyalgie als „stressinduzierte Erkrankung
des schmerzverarbeitenden Systems“. Nach neuesten Erkenntnissen handelt es sich
bei Fibromyalgie um eine Störung bei der Verarbeitung von Schmerzen, deren
Ursache im Zentralnervensystem zu suchen ist und nicht im Muskel selbst.
„Eine reduzierte
Schmerzschwelle auf zentralnervöser Ebene scheint die primäre Ursache einer
ganzen Kaskade weiterer Störungen zu sein sowohl mit verschiedenen autonomen
Dysfunktionen, psychischen Veränderungen als auch einer schmerzhaften nicht entspannten
Muskulatur mit ultrastrukturell nachweisbaren Veränderungen.“ (Prof. Dr. Gunther Neeck, „Das
Fibromyalgie-Syndrom“, 2007)
Wie äußert sich Fibromyalgie?
Das
Hauptsymptom der Fibromyalgie ist der Schmerz, der als chronisch generalisierter
Ganzkörperschmerz vorwiegend in den Muskeln, den Muskelansätzen (Sehnen) und in
den Knochen empfunden wird. Neben den Schmerzen kann noch eine Vielzahl
vegetativer und funktioneller Störungen auftreten, die zusätzlich den Alltag
belasten und die Lebensqualität stark einschränken. Leitsymptome sind hier
Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, rasch eintretende
Erschöpfungszustände, Überempfindlichkeit gegenüber äußeren Reizen wie hoher
Lautstärke, grellem Licht sowie Kälte, Nässe oder Hitze.
Fibromyalgie-Patienten sind Dauerschmerzpatienten.
Die dadurch oftmals entstehenden starken privaten wie beruflichen
Einschränkungen führen nicht selten zu Mutlosigkeit und Depressionen und enden somit
oftmals in sozialer Isolation. Durch viele Studien konnte allerdings weltweit nachgewiesen
werden, dass Fibromyalgie zu keiner Untergruppe der depressiven Störungen
gehört.
Wie
viele Menschen leiden an Fibromyalgie?
Weltweit wird in Studien die Zahl der
Fibromyalgie-Patienten unterschiedlich angegeben. Die wahrscheinlichste
Prävalenz beträgt bei Frauen 3,4 % und bei Männern 0,5 % (Prof. Dr. Gunther Neeck, „Das Fibromyalgie-Syndrom“, 2007), für
Deutschland wird eine Zahl von etwa 2 Millionen Fibromyalgie-Patienten
angenommen. Eine genetische Veranlagung wird diskutiert, in zurzeit noch experimentell
verfolgten Therapieansätzen wird ein möglicherweise hormonell bedingter
Hintergrund erforscht.
Wie
wird Fibromyalgie diagnostiziert?
Das Leitsymptom der Fibromyalgie ist der Schmerz.
Durch die Entwicklung von geeigneten Geräten zur Objektivierung und Messung des
Schmerzes kann mittlerweile eindrücklich gezeigt werden, „dass ein permanentes
Bombardement des Cortex mit Schmerzreizen die Fibromyalgie-Patienten quält.
[...] Es scheint vorstellbar, dass es bei Chronifizierung zu plastischen
Veränderungen mit bleibenden Schäden im Zentralnervensystem und in der
Muskulatur kommt“; allerdings gibt es „bis heute kein bildgebendes Verfahren,
welches angewandt in der klinischen Routine eine diagnostische Bedeutung für
die Fibromyalgie hätte“. (Prof. Dr. Gunther
Neeck, „Das Fibromyalgie-Syndrom“, 2007)
Die 1990 vom ACR (American College of Rheumatology)
festgelegten Klassifikationskriterien, zu denen u.a. auch die „Tender Points“
(Schmerzdruckpunkte) gehören, sind ein erster Anhaltspunkt für den Arzt,
Fibromyalgie festzustellen. Die Erkrankung
wird dann durch Ausschlussdiagnostik gesichert, d.h., es müssen zunächst
Krankheiten, die ähnliche oder gleiche Symptome hervorrufen wie Fibromyalgie,
sicher ausgeschlossen werden. Die Laborbefunde bei Fibromyalgie sind unauffällig
und liegen im Normbereich, es ergeben sich z.B. keine Hinweise auf
Entzündungen, auch ein Rheumafaktor kann nicht nachgewiesen werden. Das alles
erschwert die Diagnose, die deswegen nur von einem erfahrenen Facharzt (z.B.
Rheumatologe, Orthopäde, Neurologe) gestellt werden sollte.
Wie
behandelt man Fibromyalgie?
Trotz einer immer intensiveren Aufklärung und
Information über das Krankheitsbild, z. B. auch durch die Arbeit der
Selbsthilfegruppen, dauert es in der Regel mehrere Jahre, bis die Fibromyalgie
erkannt wird und daraufhin gezielt behandelt werden kann. Viele Ärzte kennen
diese chronische Schmerzkrankheit noch immer nicht, was leider häufig zu überflüssigen
Untersuchungen, falschen Diagnosen und dadurch bedingt zu ungeeigneten Therapien
führt. Daraus wiederum resultieren in vielen Fällen Arbeitsunfähigkeit und eine
oftmals zu frühe Berentung der Fibromyalgie-Patienten mit entsprechenden schwerwiegenden
psycho-sozialen Folgen. „Die Kosten werden deshalb aufgrund der Chronizität des
Leidens, der unbefriedigenden Ergebnisse hinsichtlich der Therapie und daraus
resultierend entsprechend häufigen Inanspruchnahme des Gesundheitssystems für
Fibromyalgie-Patienten als hoch vermutet.“ (Prof.
Dr. Gunther Neeck, „Das Fibromyalgie-Syndrom“, 2007)
Eine individuelle, gezielte Behandlung der
Fibromyalgie sollte nie einseitig erfolgen. Sie beruht auf drei Säulen und setzt
sich in der Regel zusammen aus physikalischer Therapie, medikamentöser Therapie
sowie einer Psychotherapie, bei der z.B. kognitive Schmerzbewältigungsstrategien
erlernt werden. Alternative Heilmethoden können ebenfalls geeignet sein, das
Beschwerdebild zu bessern. Eine Heilung der Erkrankung ist nach heutigen
wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht möglich, eine Linderung der Beschwerden kann
aber durchaus erreicht werden.
Wie
lebe ich mit Fibromyalgie?
Zunächst einmal ist es sehr wichtig, dass ich als
Fibromyalgie-Patient eine gesicherte Diagnose von einem Facharzt bekommen habe
und mich danach sehr genau und umfassend über meine Erkrankung informiere. Das
hilft mir, meine individuelle und damit für mich richtige Therapieform zu
finden.
Ich
werde zum Experten in eigener Sache.
Eine große Rolle beim Umgang mit der Erkrankung
spielt die Stressvermeidung: Stress macht mich krank, weil ihn mein Körper
nicht richtig verarbeiten kann (mangelnde Stressverarbeitung betrifft ca. 16 %
der Bevölkerung), daher meide ich ihn konsequent dort, wo es geht.
Ich
darf „Nein“ sagen zu Situationen, die mich überfordern.
Ich leide unter Erschöpfungszuständen und habe oft
wenig Kraft, daher muss ich lernen, diese gezielter einzusetzen: Ich stelle mir
vor, dass ein gesunder Mensch morgens ein volles Glas „Kraft“ hat, mit dem er
den ganzen Tag lang auskommen muss. Mein Glas als Fibromyalgie-Betroffener ist
morgens nur halb voll, sodass ich mir sehr sorgfältig überlegen sollte, wie ich
es einteile, damit ich mit diesem halben Glas den ganzen Tag über auskommen
kann.
Ich
darf „Nein“ sagen zu Situationen, die mir nicht gut tun.
Für meine Gesundheit, meinen Körper und meine Seele
habe ich weitgehend eine Eigenverantwortung, die ich (selbst)bewusst übernehme.
Neben allen anderen Therapien gehört im Rahmen meiner individuellen Möglichkeiten
auf jeden Fall auch eine (reha-)sportliche Betätigung, die meine Beschwerden
lindert.
Ich
lerne: Fibromyalgie braucht Bewegung!
Zur weiteren Krankheitsbewältigung kann mir die
Mitarbeit in einer Selbsthilfegruppe helfen, die mir sowohl einen Schutzraum
bietet als auch einen Freiraum darstellt, in dem ich mich mit gleich
Betroffenen austauschen und gleiche Ziele verfolgen kann, um meine berechtigten
Interessen zu vertreten. Hier lerne ich, mein Selbstbewusstsein zu stärken und
meine Alltagskompetenzen zu verbessern und kann anderen wiederum mit meinen
Erfahrungen Unterstützung und Kraft geben.
Ich
stelle mich der Diagnose Fibromyalgie und gehe aktiv mit meiner chronischen Erkrankung
um.
© 2007
Deutsche Fibromyalgie Selbsthilfe (DFS) e.V.
Renate
Augstein