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Gesundheit: Chronischer Schmerz und Partnerschaft - Dr. Jürgen Wild
Geschrieben am Mittwoch, 28. Mai 2008 von DFS |
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Chronischer Schmerz und Partnerschaft Nicht nur Belastung – auch Chance Dr. Jürgen Wild
Chronische Schmerzen belasten – körperlich wie psychisch. Zum einen sind Schmerzen regelrechte „Energiefresser“, da sie mit einer körperlichen Aktivierung einhergehen. Deshalb werden wir durch Schmerzen erschöpft und schwunglos, das gesamte Leistungsvermögen kann beeinträchtigt sein.
Zum Zweiten belasten Schmerzen psychisch, weil sie eine Signalfunktion haben und wie ein Magnet unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Auswirkungen sind, dass wir an den Dingen des Lebens schlechter Teil haben können, dass wir empfindlicher und gereizter werden. Auch unsere Stimmung insgesamt kann sich verändern.
Das alles hat natürlich Auswirkungen auf das partnerschaftliche Zusammenleben, denn Stimmungen und Befindlichkeit des einen Partners wirken auch „ansteckend“ auf das Befinden des anderen Partners. Dies alles lässt sich schon bei einem akuten Schmerz aufzeigen, z. B. bei starken Kopfschmerzen oder Migräneanfällen: Starke Kopfschmerzen beeinträchtigen unser Leistungsvermögen. Wir können uns schlechter konzentrieren. Bei entsprechender Stärke können Übelkeit oder sogar Erbrechen auftreten. Kopfschmerzen machen aber auch empfindlicher. Bei sehr starken Kopfschmerzen können wir sogar licht- und geräuschempfindlich werden. Selbst angesprochen zu werden bereitet dann Qualen und wir ziehen uns in einen ruhigen und möglichst abgedunkelten Raum zurück. Chronische Schmerzen sind meist diskreter als diese akuten Schmerzen. Dafür treten sie immer wieder auf und diese unberechenbaren Wiederholungen zermürben zusätzlich. Bei chronischen Schmerzen kommt es meist auch zu langfristigen Veränderungen. Diese Veränderungen sind aber nicht schicksalhaft. Es gibt Möglichkeiten, ihnen entgegenzuwirken, aber ohne Hilfe führen sie oft zu einer erheblichen Beeinträchtigung.
Veränderungen durch Schmerzen
Chronische Schmerzen können unser Leistungsvermögen reduzieren. Diese Beeinträchtigung ist abhängig vom jeweiligen Krankheitsbild und dessen Auswirkungen sowie von der Art der Lebensaufgaben, die vor uns stehen. Psychisch gesehen fühlen wir und durch Schmerzen zunächst einmal unwohl, häufig begleitet von innerer Unruhe. Dieses „Sich-in-seiner-Haut-nicht-wohl-Fühlen“ macht zudem gereizt. Schmerzpatienten sind häufig empfindlicher im Umgang mit sich und mit anderen. Diese Veränderungen sind normal, führen aber dazu, dass wir häufig auch auf Mitmenschen gereizt reagieren und zu Ungeduld oder überschießenden Reaktionen neigen.
Können diese Spannungen nicht nach außen abreagiert werden, wendet sich die Aggressivität meist nach innen, was zu Depressivität führt. Manchmal kommt eine ausgeprägte Wut über das eigene Schicksal auf, Wut auf den eigenen Körper oder Körperteile. Bei chronischen Schmerzen treten sehr häufig auch Selbstmordgedanken auf. Die Absicht des Schmerzpatienten ist aber nicht in erster Linie sich umzubringen, sondern der Wunsch, seine Schmerzen loszuwerden. Der Tod scheint in dieser Situation als ein (von außen gesehen natürlich untaugliches) Mittel dazu.
Chronische Schmerzen wirken sich aber auch sozial aus. So kann es zu Spannungen in der Partnerschaft kommen bis hin zur Trennung. Auch Freundschaften können darunter leiden, so dass die Gefahr der Isolation besteht. Einen gravierenden Einschnitt bedeutet immer die Lösung aus dem Beruf, da ein Teil des Selbstgefühls aus dem beruflichen Erfolg bezogen wird.
Schmerz und Partnerschaft
Schmerzpatienten geben immer wieder an, dass der häufigste „Blitzableiter“ für schmerzbedingte Gereiztheit, Unruhe und Spannungen der eigene Partner ist. Das ist nur natürlich, denn gegenüber Fremden nimmt man sich viel mehr zusammen. Diese Blitzableiterfunktion belastet auch den Partner.
Spannungen können auch dadurch auftreten, dass weniger gemeinsame Aktivitäten möglich sind. So muss der Partner häufig allein zu Geburtstagen oder Vereinsabenden gehen. Auch Urlaubsaktivitäten sind häufig eingeschränkt.
Ein weiterer Aspekt sind Rollenveränderungen. Durch Schmerz und Krankheit kann ein bisher aktiver Partner in eine eher abhängige Position gelangen. Dieses Gefühl des Abhängigseins kann zu einer psychischen Belastung führen und verstärkt somit auch den seelischen Druck.
Ist die Partnerschaft durch die Auswirkungen chronischer Krankheit belastet, führen diese Spannungen möglicherweise wieder zu einer Schmerzverstärkung und verstärken auch das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit. Körperliches und seelisches Befinden sind oft eng miteinander verbunden.
Reaktionen des Partners
Schmerzpatienten leiden oft unter den Reaktionen des Partners, die sie als herzlos oder lieblos empfinden. Genau gesehen handelt es sich aber um Schutzreaktionen des Partners, die aus psychologischer Sicht als „Abwehr“ bezeichnet werden.
Abwehrreaktionen sind Verleugnen und Verdrängen oder Aggressivität. Diese Abwehrreaktionen dienen der psychischen Stabilität des Partners. Er schützt sich sozusagen davor, allzu sehr mitzuleiden und dadurch handlungsunfähig zu werden.
Verleugnen oder Verdrängen besteht darin, dass die Beschwerden oder Einschränkungen des Partners nicht so ernst genommen oder vergessen werden. Der Schmerzpatient fühlt sich ja immer ungerecht behandelt oder auch ignoriert. Der Schutzmechanismus des Partners besteht darin, dass er nicht ständig die Gedanken an die Krankheit des anderen in sich trägt.
Aggressivität kommt in Form von Vorwürfen oder Ärger zum Ausdruck. Sie stellen eine massive Abgrenzung dar und treten häufig bei Partnern auf, die sich weniger gut einfühlen können. Sie sind aber auch häufig dann zu finden, wenn der Partner die Beschwerden des anderen nicht mehr ertragen kann, also selbst zermürbt oder erschöpft ist – nach dem Motto: „Ich kann das nicht mehr hören.“
Abwehrreaktionen belasten in jedem Fall die Partnerschaft und führen häufig zu weiteren Belastungen oder zum Rückzug.
Chronische Krankheit kann aber auch eine Herausforderung für die Partnerschaft sein. Sie kann die Partner näher zusammenbringen und zu einem gemeinsamen Reifungsprozess führen.
Möglichkeiten des Umgangs
miteinander
Als Faustregel gilt, dass eine von der Ausgangslage her schlechte Partnerschaft durch die Belastung durch eine chronische Krankheit meist noch schlechter wird.
Krankheit bietet aber auch die Möglichkeit zur Besinnung und zur Umkehr, denn man kann lernen, Schicksalsschläge zu verarbeiten. Eine gute Partnerschaft wird durch eine chronische Krankheit zwar auch belastet, aber es besteht eine bessere Chance für eine gemeinsame Bewältigung. Das kann zur Reifung der partnerschaftlichen Beziehung beitragen.
Für die produktiven Möglichkeiten des Umgangs miteinander mögen folgende Grundsätze gelten:
• Schmerzen sind immer persönliche Empfindungen, die nur Sie selbst spüren und die anderen vermittelt werden müssen. Schmerzen sieht man Ihnen oft nicht an. Deswegen ist es wichtig, dass Sie mit Ihrem Partner über Ihre Befindlichkeit sprechen.
• Erwarten Sie von Ihrem Partner nicht, dass er Sie immer versteht. Selbst ein liebender Partner wird Ihre Beschwerden nicht immer nachvollziehen können. Wenn Sie zu häufig klagen besteht auch die Gefahr, dass es abstumpfen oder es nicht mehr hören kann.
• Bei Planungen und Alltagszielen sollten Sie Totallösungen vermeiden (z. B. zu Geburtstagsfeiern prinzipiell nicht mitgehen, den gemeinsamen Urlaub ganz aufgeben). Es gibt viele Möglichkeiten für Zwischentöne und Kompromisse (z. B. zwar mitgehen, aber eher weggehen; mit in den Urlaub fahren, aber nicht alle Ausflüge mitmachen). Lassen Sie dem Partner auch Raum für Aktivitäten, die er gerne macht und an denen Sie sich nicht mehr beteiligen können.
• Oft ist es besser, gemeinsame Aktivitäten in diesem Sinne zu planen, als über Schmerzen und Symptome zu sprechen.
• Der Partner kann lernen, mit chronischen Schmerzen zu leben. Bei größeren Schwierigkeiten besteht die Möglichkeit, sich Hilfe von außen zu holen. Hilfe in Partnerschaftsproblemen bieten am besten geschulte Fachkräfte in Beratungsstellen zu Ehe- und Lebensfragen.
Verfasser:
Dr. Jürgen Wild Dipl. Psychologe,
Psychotherapeut RehaKlinikum Bad Säckingen
Stand
10.05.04
Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.
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Chronischer Schmerz und Partnerschaft - Dr. Jürgen Wild Keine anonymen Kommentare möglich, bitte zuerst anmelden Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasser verantwortlich.
| sabine schreibt am 11.11.2009 19:24: |
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<p>Ein wirklich wunderbar geschriebener Artikel von einem sehr, sehr guten Arzt! Vielen Dank, daß er hier zu finden ist, wo viele betroffene sich oft als erstes kundig zu machen versuchen.</p>
<p>Auch ich hatte die Momente in denen ich ernsthaft zweifelte ob ich, so unperfekt, für den Mann den ich so sehr liebe überhaupt zumutbar bin. Er konnte mich überzeugen, aber er brauchte Zeit um die leisen Stimmen die mich bei jeder Bewegung, bei jedem Erschöpfungsanfall, an jedem Morgen an dem ich mich vollkommen zerschlagen aus dem Bett quälte und jeden moment an dem ich mir schon selbst nicht mehr zumutbar erschien fragten ob ich ihm wirklich glauben will, zum schweigen zu bringen.</p>
<p>Aber er hat es geschafft! Und ich bin sehr glücklich darüber und ich bin überzeugt davon, daß Fibromyalgiker besondere Menschen sind, die eben auch ganz besondere Partner haben! Wir geben uns jeden Tag viel und so kann ich die Tage auch wieder mit einem Lächeln beginnen weil da jemand ist der mich motiviert, unterstützt, mir hilft und mir zuhört aber für den ich auch da sein darf.</p>
<p> </p>
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| Martin schreibt am 02.06.2008 15:37: |
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<p>Wunderbarer Artikel,</p>
<p>sollte jeder Schmerzpatient einmal gelesen haben!</p>
<p>Habe den Artikel auch meinem Partner zum lesen gegeben.</p>
<p>Ergab viel Gesprächsstoff und fördert das Verständniss für beide Seiten.</p>
<p> </p>
<p>Martin</p>
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