
Prof. Dr. med. Winfried Hardinghaus
Chefarzt, Internist
Ärztl. Direktor vom Klinikum St. Georg,
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zur
Fibromyalgie
Überarbeitung 2008
Fibromyalgie ist ein chronisches, nicht entzündliches und generalisiertes Schmerzsyndrom des Muskel-, Sehnen und Bandapparates auf dem Boden einer veränderten Reizwahrnehmung und -verarbeitung im Nervensystem. Da es sich nicht um eine Entität (einzelne Krankheit) handelt, ist die frühere Bezeichnung „Fibromyalgie“ zugunsten des „Fibromyalgie-Syndroms“ verlassen. Ein Syndrom setzt sich aus Symptomen zusammen. Man schätzt, dass in Deutschland ca. 2% der Bevölkerung betroffen sind, davon 70-90% Frauen.
Nach den Anforderungskriterien des American College of Rheumatology (ACR) sollen beim Fibromyalgie-Syndrom folgende Bedingungen erfüllt sein:
- Chronische, d.h. mehr als drei Monate andauernde generalisierte Schmerzen an mindestens drei Lokalisationen.
- Schmerzen im Bereich der rechten und linken Körperhälfte, oberhalb und unterhalb der Taille sowie in den Gliedmaßen.
- Druckempfindlichkeit an mindestens 11 von 18 definierten Tenderpoints.
- Häufiges Vorhandensein von Begleitsymptomen.
Da es beim Fibromyalgie – Syndrom auch zu einer Absenkung der Schmerzschwelle auf spinaler (Rückenmark) Ebene kommt und somit nahezu am ganzen Körper, kann die Klassifizierung nicht auf die sogenannten Tenderpoints beschränkt werden. Die Untersuchung der Druckschmerzempfindlichkeit – egal ob mit Daumendruck oder mit Algometer – kann verzichtbar sein. Jedenfalls dürfen die „Tenderpoints“ nicht mehr als obligates Diagnosekriterium angesehen werden.
Von einigen Patienten höre ich häufig vom Phänomen der „Schmerzen überall“. Da das führende Symptom der Schmerz ist, kann es im Einzelfall sinnvoll sein, die Schmerzstärke anhand visueller oder numerischer Analog-Skalen (z.B. Schmerzgrade 1-10) festzuhalten und in einem Tagebuch zu dokumentieren.
Als Begleitsymptome gelten funktionelle, vegetative und psychische Störungen wie Schlafstörungen, Magen-Darm-, Herz- und Kreislaufsymptomatik, ebenso Gefühlsstörungen, kalte Hände, Schwitzen, Zittern der Hände und schließlich auch Verstimmungen und Erschöpfungszeichen.
Das Fibromyalgie-Syndrom muss vom so genannten myofascialen Schmerzsyndrom getrennt werden, obschon Überlagerungen bestehen können. Hier jedoch finden wir korrekterweise nicht Tenderpoints, sondern so genannte „Triggerpoints“. Das sind tastbare Muskelverhärtungen überwiegend im Bauch des Extremitätenmuskels. Wahrscheinlich werden diese Muskelüberkontraktionen durch Reflexmechanismen ausgelöst.
Wir können heute drei Patientengruppen unterscheiden, unter denen es allerdings Überschneidungen gibt:
- Ohne Depressionen
- Mit Depressionen
- Somatoforme Schmerzstörungen
In der zweiten Gruppe „Mit Depressionen“ kann das eine das andere mitbedingen. „Somatoform“ oder gleichbedeutend „somatisiert“ heißt „auf den Körper projiziert“, ohne erkennbare organische Ursache.
Der Begriff des sekundären Fibromyalgie – Syndroms ist inzwischen aufgegeben worden. Es gibt zwar Erkrankungen, die gleiche oder ähnliche Symptome wie die Fibromyalgie haben, jedoch liegen hier definierte andere Grunderkrankungen zugrunde.
Hierbei kann es sich um rheumatologische Krankheiten handeln wie das Weichteilrheuma (Polymyalgia rheumatica), die primär chronische Polyarthritis, den Lupus erythematodes, die Sklerodermie, die Sarkoidose (Morbus Boeck) oder die Schuppenflechte (Psoriasis). Die sekundäre Fibromyalgie tritt des Weiteren als Begleitsymptom beim Morbus Crohn oder der Colitis ulcerosa auf, bei Infektionskrankheiten wie Borreliose und Viruserkrankungen.
Ein reines Begleitsymptom kann die sekundäre Fibromyalgie auch bei bösartigen Krebserkrankungen sein, daneben bei Stoffwechselerkrankungen wie z.B. Schilddrüsenunter- und -überfunktion oder auch als Arzneimittel-Nebenwirkung, z.B. bei Lipidsenkern.
Differentialdiagnose des Fibromyalgie-Syndroms
- Entzündlich-rheumatische Systemerkrankungen (Primär chronische Polyarthritis, Arthritis, Polymyalgia rheumatica, Lupus erythematodes, Sjögren-Syndrom, Sklerodermie u.a.)
- Weitere entzündlich-immunpathologische Erkrankungen wie Psoriasis, Sarkoidose, Colitis ulcerosa u.a.
- Infektionskrankheiten
(z.B. Viruserkrankungen, Borreliose)
- Endokrine Störungen (z.B. Hypo-, Hyperthyreose)
- Bösartige Erkrankungen
- Stoffwechselerkrankungen (z.B. Hämochromatose)
- Arzneimittelreaktionen (z.B. Lipidsenker)
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